Like Lucy train - vom Abstellgleis ins Living Lab

Der erste Streich

Als man mitbekam, dass die WEG ausgediente Fahrzeuge auch zum Verkauf anbot, beschloss die Thales sich dieses Angebot einmal genauer anzuschauen. Es stellte sich heraus, dass der Zug sich als eigenen Testfahrzeug nach einem Umbau gut machen könnte. Kurzum, es wurde Überzeugungsarbeit bei Projekt und Entwicklung geleistet und ein Business Case zur Finanzierung erstellt, der Gefallen bei den Verantwortlichen fand. Seit Dezember 2014 ist die Lucy als „Corporate Train“ der Thales zu sehen :-).

Zwei Jahre lang wurde neben der eigentlichen Projektarbeit der Zug umgerüstet und aufgearbeitet. Im Dezember 2017 ging es für den auf den Namen „Lucy“ getauften Zug (Auflösung der drängenden Frage „Warum Lucy“ siehe Ende), auf zweite Jungfernfahrt im Rahmen der Systemerprobung zur Positionsbestimmung von Zügen im schönen Neuffen.

Der zweite Streich

Im Forschungsprogramm „Digitale Leit- und Sicherungstechnik (LST)“ entwickelt die DB Netz das Zugsicherungssystem der Zukunft, um auf dem bestehenden Streckennetz der Deutschen Bahn bis zu 20 Prozent mehr Züge fahren zu lassen. Einer der Bausteine der digitalen LST ist das ETCS Level 3 mit virtuellen Hochleistungsblöcken. Im Level 3 erfolgt die Meldung, ob ein Gleis frei oder belegt ist, grundsätzlich nicht mehr von der Strecke aus, zum Beispiel über Achszähler, sondern durch die Positionsmeldung der ETCS-Fahrzeugeinrichtung an die ETCS-Streckenzentrale, dem Radio Block Center (RBC). Anfang September 2018 wurde das neue Living Lab der DB Netz genutzt, um gemeinsam mit Thales und „Lucy“ eine Demonstration der ETCS Level 3-Technologie durchzuführen.

Zusammen mit einer Diesellok von Bombardier drehte man über einen ganzen Tag hinweg die Testfahrten mit ETCS 3 im Living Lab der DB Netz AG. Diese Erprobung ist als Film von DB Netz veröffentlicht worden und zeigt deutlich, wie nah bereits der Schienenverkehr durch Assistenzsysteme der Autonomie von Zügen ist.

Zum youtube Video

„Im Living Lab im Erzgebirge erprobt die Deutsche Bahn Netz ihre Digitale Zukunft. Wie haben hier in Annaberg-Buchholz eine Laborumgebung bestehend aus Teststrecke, Testfahrzeugen und besonderen betrieblichen Prozessen. Im Living Lab ist es möglich, Forschung, Entwicklung und Erprobung von innovativen Bahntechnologien einfach und flexibel in der Praxis umzusetzen“, (Raik Hoffmann, Leiter des Forschungsprogramm Digitale Leit- und Sicherungstechnik der DB Netz).

In unserem neuen rollendes Laborfahrzeug Lucy testen wir alle Komponenten der Zugsicherungstechnik, die wir unseren Kunden anbieten, wir haben aber auch Sensorik aus der Luftfahrt, Satellitentechnik und der Verteidigung hier installiert, um innovative Techniken zu testen, auch zusammen mit unseren Kunden, um diese später dann in den regulären Betrieb zu überführen.

Und der Dritte folgt sogleich

Ordnungsgemäß wurde das Laborfahrzeug Anfang des Jahres der obligatorischen Hauptuntersuchung bei OWS (Oberpfälzischer Waggon Service)  unterzogen. Dem Retro-Charme der Lucy in Kombination mit modernster Signaltechnik erlegen, bot sich die Gelegenheit gemeinsam mit OWS (Wiederaufarbeitungsspezialist von Zügen) auf der diesjährigen InnoTrans im Außenbereich auszustellen.

Ungerührt der logistischen Herausforderung, brach das „Lucy Team“ nach dem Dreh mit der DB Netz nach Berlin mit Zug, Pack und 361 Liter Diesel auf Schienen nach Berlin auf. Zeitzeugen werden in den nächsten Jahren immer noch von einer unterhaltsamen Nachtfahrt sprechen.

Auf der InnoTrans hatte das Publikum die Gelegenheit, sich ausgiebig mit den einzelnen Onboard-Komponenten auseinanderzusetzen und diese erklären zu lassen. Zusätzlich konnte es den Zug mit einer VR-Brille im wahrsten Sinne des Wortes von unten bis oben inspizieren.

Zusammen mit den anderen ausgestellten Projekten wie bspw. Lite4ce™, Seltrac™ und der ARAMIS™ auf GDP (Digitale Platform), konnte Thales erfolgreich zeigen, dass man tatsächlich gewaltige Fortschritte in der Digitalisierung von Schienenverkehr gemacht hat und die Autonomie von Mobilität nicht mehr in unerreichbarer Ferne liegt. 

Lucy selbst demonstriert, dass dieser Fortschritt nicht zwangsläufig bedeutet von heute auf morgen Altes aufzugeben, sondern dass sich dieses durchaus mit neuen Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz und cybergesicherte Zug Steuerung vereinbaren lässt.

Darüber hinaus hat Lucy auch mittlerweile eine respektable Fanbase außerhalb von Thales gewonnen (man prüfe die einschlägigen Thales Social Media Kanäle), dank eines überaus engagierten Teams, was sich mit viel Engagement und Mühe in die Realisierung der Projekte gestürzt hat.

In der Planung steht nun die weitere Aufrüstung der Lucy mit Zugsicherungs- und Messtechnik, um für Test-, Abnahme- und Demonstrationsfahren bereit zu sein. Wir sind stolz auf unsere Lucy und freuen uns, wenn wir sie fahren sehen.

Danke für eine Geschichte, die nicht nur was für hartgesottene Eisenbahner ist!

Und da sich ohnehin die meisten fragen, warum Lucy „Lucy“ heißt, hier der Insider: Die WEG gibt allen ihren Zügen Mädchennamen. Der Zug verdankt den Namen Lucy van Pelt, Mitglied der Peanuts.

#lucy #etcs #innotrans2018 #safejourney #goingdigital #decisivefuture

*Für Nichtbahner:
ETCS – European Train Control System ist ein System zur Leitung, Sicherung und Schutz von Zügen, das zahlreiche untereinander inkompatible Systeme ersetzt, die früher auf europäischen Bahnstrecken eingesetzt wurden.